Technik

Das Cunningham? - Auch so ein Irrtum!
 


Dr. Harald Wozniewski
Karlsruhe 1998

Dem Cunningham wird vieles nachgesagt
In Wahrheit: Das Cunningham ist völlig nutzlos!
Noch Fragen?

Dem Cunningham wird vieles nachgesagt

Das Cunningham, so kann man immer wieder hören und lesen, soll dazu dienen, bei starkem Wind den Bauch im Großsegel (aber auch in Fock bzw. Genua) nach vorne zu ziehen. Damit wirke es dem Wind entgegen, der den Bauch nach hinten (achtern) verlagert. Dadurch "öffne" sich zugleich das Achterliek, und der Wind könne mehr entweichen. Dadurch könne bei Starkwind das Boot wieder aufrechter gesegelt werden. Die Rede ist von Jollen wie von Yachten (z. B. http://www.diekow-segel.de/grosssegel/trimmen/cun.htm, http://www.fritz-segel.de/service/trimmcruis.shtml#33 oder http://www.korsar.org/korsardaten/_tipp_01.php). Für wenig Wind wird dem Cunningham, soweit ersichtlich, keine Bedeutung beigemessen. In den 70er Jahren drehte North-Sails einen Film, der die Veränderung des Segelbauchs durch den Zug am Cunningham auf einer Yacht mit steifem Mast und bei Flaute demonstrierte. Seither glauben (fast) alle Regattasegler an das Cunningham. Regattasegler sind schon ein sehr gläubiges Völkchen. In jüngster Zeit gibt es auch kritische Stimmen zum Cunningham (z. B. http://505.3wadmin.de/trimm/WeltmeisterTrimm.html#Cunningham: “Die Cunningham-Leine hat keine besonders große Bedeutung.”)

In Wahrheit: Das Cunningham ist völlig nutzlos!

Segelschnitt und Vorliekskurve

    Skizze 1

Wie Sie wissen, sind beim Großsegel das Vor- und Unterliek etwas rund geschnitten, damit - in den geraden Mast bzw. Baum gezogen - etwas Segelbauch erzeugt wird (s. Skizze 3). Hier in den Skizzen ist das etwas übertrieben dargestellt, um die Sache deutlicher zu machen. Den in den Bahnen durch Abnäher erzeugte Bauch wollen wir hier übergehen.

    Skizze 2

Wenn wir am Cunningham ziehen, wird das Segeltuch unter der vertikalen roten Linie gespannt - nicht mehr und nicht weniger (entsprechendes gilt auch für das Unterliek). Die roten Linien zeigen mit anderen Worten Lieken, wie wenn sie völlig gerade geschnitten wären.

    Skizze 3

Hier sehen wir das in Mast und Baum eingeführte Groß. Am Vorliek entsteht ein Bauch (blaue Linien). Der Bauch durch die Bahnschnitte und das Unterliek ist in der Skizze vernachlässigt. Außerdem sehen wir die vertikale rote Linie aus der Skizze 2.

Die Behauptung

Wenn wir nun das Cunningham dicht nehmen, so wird gesagt, würde das Segeltuch nach vorne an den Mast gezogen.

Das ist unter gewissen Bedingungen sogar richtig: Es spannt sich vor allem das Segeltuch unter der roten Linie (oder besser: der Segeltuchfaden, der hier rot markiert ist). Die rote Linie legt sich folglich an den Mast an. Das davor befindliche Segeltuch faltet sich zusammen. Und das dahinter befindliche Tuch wird nach vorne und damit flach gezogen.

Die Sache hat aber zwei Hacken:

Der erste Haken

- ist, dass wir das Cunningham ausgerechnet bei viel Wind nutzen wollen. Jetzt betrachten Sie einmal die Segelfläche und erinnern Sie sich daran, wieviel Druck bei viel Wind in so einem Segel lastet. Der Vorschoter steht sogar voll im Trapez, um dem Druck zu widerstehen. Dieser Druck hat hunderte Mal mehr Kraft als der durch das Cunningham erzeugte Zug nach vorne. Kann nicht sein?!?

Im Training demonstriere ich die Sache den Gläubigen immer folgendermaßen:

Legen Sie an Land eine Jolle auf die Seite. Das Groß ist gesetzt. Befestigen Sie eine Leine am Masttop und ziehen Sie sie so wie hier die rote Linie am Hals des Segels vorbei. Jetzt lassen Sie ein oder zwei kräftige Kerle so fest wie möglich an diesem "Cunningham" ziehen, so dass die Leine richtig gespannt ist. Jetzt gehen Sie auf halber Höhe des Segels mit dem kleine Finger an die straff gespannte Leine. Sie werden nicht die geringste Mühe haben, die Leine mit dem kleinen Finger soweit zum Achterliek hin zu ziehen, wie es die Vorliekskurve des Segels bei geradem Mast ohnehin nur zulassen würde. Die zwei Kerle habe dagegen gar keine Chance, weil sie in einem völlig stumpfen Winkel quer zu Ihrer Zugrichtung ziehen müssen. Probieren Sie es aus!

Starker Wind macht es nicht anders mit Ihrem Zug am Cunningham.

Der zweite Haken

    Skizze 4

Der zweite Haken besteht darin, dass ein flexibler Mast bei Starkwind mindestens so stark gebogen wird, wie das Vorliek rund geschnitten ist. Die Rundung in der Skizze hier ist - wie gesagt - übertrieben dargestellt. Die Folge ist, dass durch den Zug am Cunningham nicht mehr der kleinste Zug nach vorne entstehen kann. Der rote Faden ist ja bereits wieder so gerade wie in Skizze 1.

Das können Sie wie oben mit einer umgelegten Jolle leicht nachprüfen.

Noch Fragen?

Wenn nicht, dann bauen Sie das Cunningham am Besten noch heute aus Ihrem Boot aus. Es stört nur Ihre Konzentration in der Regatta.

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